Allgemein
Das Ruhrgebiet ist seit wenigen Tagen europäische Kulturhauptstadt 2010. Offizielle Eröffnung des Festjahres ist am 9. Januar auf dem Gelände des Weltkulturerbes Zeche Zollverein in Essen-Katernberg. Wir planen, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. Bei Schnee und Eis kann es etwas rutschig werden. Aber was tut man nicht alles als Hauptstädter für die Kultur.
Wir wünschen allen Whiskygenießern und ihren Familien ein frohes, besinnliches, friedvolles, harmonisches Weihnachtsfest.
Als Weihnachtsgeschenk nennen wir unseren Veranstaltungsort für 2010: Es ist die Gesellschaft Harmonie am Bochumer Stadtpark.
In Geschmacksfragen sind Whiskykenner unbestechlich. Für sie gilt einzig das Reinheitsgebot. Sie wollen gemeinhin den puren, ungeschönten Geschmack auf der Zunge haben, der symbolisch ihre Haltung zum Getränk und ihren aufrechten Gang durchs Leben und überhaupt zum Ausdruck bringt. Mit einem Wort: Whiskykenner sind keine Weicheier. Sie wissen, was sie wollen.
In den Nachfolge-Generationen ist hingegen eine Tendenz in entgegen gesetzte Richtung zu erkennen. Zu welchem Getränk sollen sie eine Haltung entwickeln, wo doch die Auswahl an Geschmacksverstärkern so groß ist? Warum die tradierten Nahrungsgewohnheiten aufrechterhalten, wo doch die Auswahl an Schnellverzehrangeboten unübersehbar ist?
Die Multioptionsgesellschaft hat die »Generation Eigentlich« hervorgezaubert, die sich in der erweiterten Pubertät eingerichtet hat. Konsumfreudig präferiert sie den Babygeschmack bei der Getränke- und Nahrungsaufnahme: löffelt ihre künstlich gesüßten Getränke und lutscht genüsslich an ihrem Fast Food. Selbstverständlich to go.
Genau genommen trägt die »Generation Eigentlich« unter hautengen Jeans noch Pampers. Sie irrt mit lässig geschultertem Rucksack respektive Radkuriertasche umher als sei sie auf einer rauen Berg-Expedition mit ungewissem Ziel: präpariert mit Steifknopf im Ohr am iPod, auf der Nase die coole Fliegerbrille von Ray Ban. Ist ein Maulwurfhügel erklommen, erwartet sie von jedermann Applaus.
Die »Generation Eigentlich«, »Weiß nicht«, »Keine Ahnung« geht der Propaganda des Marketings auf den Leim. Verwöhnt und ziellos hat sie die Befriedigung ihrer Konsumwünsche zum Lebensinhalt erklärt. Die Eltern sehen in ihnen Goldmedaillengewinner. Alles, was sie machen ist toll, super, genial. Schließlich hat die »Generation Eigentlich« längst eine Schwäche durchschaut: Für Eltern erfüllen sie die Funktion von Statussymbolen, die diese zu pflegen und mit Konsum zu pampern haben.
Ein privates Drama bahnt sich an, mit dem niemand der Erwachsenen-Generation tauschen möchte. Andererseits – jetzt wird der dialektische Bogen gespannt - ist bei den ausgewachsenen, von einer Haltung zum Leben und überhaupt geprägten Whiskyliebhabern eine unpopuläre Tendenz zu erkennen, die sich mit den antrainierten Gewohnheiten der »Generation Eigentlich« auf seltsame Weise überschneidet.
Genau. Es geht um den Bruichladdich Octomore Orpheus 2.2 und artverwandte Marketinggetränke.
Von der Bezeichnung her klingt das Asphalt-Gesöff Bruichladdich Octomore Orpheus 2.2 nach Web 2.0, nach Interaktivität. Im zeitgemäßen Marketing-Jargon wird darauf hingewiesen, dass der neue, fünf Jahre alte Rachenputzer von Bruichladdich in Petrus-Fässer endgelagert worden sei. In der Flasche trifft sich also ein Asphalt-Gesöff auf Merlot-Reste des ausgewiesenen Millionärs-Gesöffs aus dem Bourdeaux-Weinanbaugebiet Pomerol.
Tolle Idee. Und tolles Marketing, das sich in flatschroter Bruichladdich-Design-Verpackung widerspiegelt. Nur: Was wird über die Verpackung suggeriert? Wie viel Petrus-Merlot ist im Octomore Orpheus enthalten? Geht es allein um die Illusion, um einen Goldmedaillengewinn für knappe 100 €? Und: Warum muss ein Whisky in Fässern der edelsten Gewächse eine Geschmackverstärkung erhalten?
Die edelsten, weil weltweit teuersten Weine kommen vom Chateau Petrus (Rot), Chateau Y’quem (Edel-Süßwein), Rommanie Conti (Rot, Burgund). Die Trauben werden von den Pflückern mit der Nagelschere geschnitten. Die Zuteilung der aristokratischen Gewächse erfolgt über ein ausgefuchstes System, zu dem ausschließlich handverlesene Händler Zugang haben.
Interview mit Christian Moueix, Besitzer von Chateau Petrus
Spricht man von flüssigen Aktien, dann trifft diese Bezeichnung in jedem Fall auf die genannten Weine zu. Ein Petrus aus hervorragendem Jung-Jahrgang und von Wein-Papst Robert Parker mit der Höchstwertung von 100 Punkten nobilitiert, kostet die Kleinigkeit von mindestens 1500 €. Ein Y’quem locker 500 € +. Und ein Rommanie Conti, von dem in Whiskykreisen bestimmt demnächst zu hören sein wird, in der Subskription rund 2500 € - je Flasche - ; vorausgesetzt, Hinz und Kunz kommt an eine Originalkiste (6-12 Flaschen) heran.
Vor diesem Hintergrund ist der Bruichladdich Octomore Orpheus 2.2 ein Fake-anger, der so tut, als hätte er mit den Wein-Aristokraten von Chateau Petrus eine Gemeinsamkeit. Ein schöner Marketing-Trick, der nichts anderes zum Inhalt hat als mit einer wunderbar verpackten Illusion Kohle zu machen. Noch deutlicher formuliert ist das Finishing in Weinfässern von klangvollen Chateaus mit einer »Prolex« vergleichbar, einem Rennwagenbausatz mit VW-Motor, einem Gucci- oder Louis Vuitton-Blender.
Im Grunde ist die »Generation Eigentlich« generationenübergreifender als anfangs vermutet. Die einen tun so als seien sie selbstverantwortlich im Leben angekommen. Die selbstverantwortlich im Leben Angekommen entledigen sich beim Erwerb eines im Petrus-Fass endgelagerten Bruichladdich ihrem selbstgegeben Versprechen, der gusseisernen Kehle einzig den puren Genuss zuzumuten.
So kann‘s gehen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Am Ende geht es sowieso nur ums Geld.
Anmerkung:
- Christian Moueix sah sich vor Jahren mit einem Weinskandal konfrontiert. In der Wein-Presse hatte er verkündet, vom desaströsen Weinjahrgang 1991 sei kein Petrus auf die Flasche gezogen worden. Seltsam nur, dass in den Nullerjahren ein Petrus des Jahrgangs 1991 im Handel auftauchte.
Alles im Griff hatte Andy “Mr. Whisky” McNeill.
“Saxostar” Mike aus R.,
Aschaffenburg… immer (mindestens) einen Dram wert.
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